Erlebnisberichte

Schwalbe-Tour-Transalp 2012

Als mich im November 2011 mein Radkollege Lothar Wolf fragte, ob ich mit ihm zusammen die Transalp bestreiten möchte, wusste ich nicht, ob ich ja oder nein sagen sollte.

Da ich mein "Trainingspensum" im Jahr kenne und nicht zu den fleißigsten Rennradlern zähle, wusste ich, dass das eine harte - ja eigentlich ganz harte - Nuss für mich werden würde. Aber nach 3 Tagen und Nächten sagte ich schließlich zu und als uns auch noch das Glück bei der Vergabe der Tickets holt war, gab es nun kein Zurück mehr.

So stand im Dezember 2011 fest, dass wir als HALLZIG-Transalp-Express mit dem Steile-Wand-Team(Heiko Gärtner und Dirk Dießel) aus Meerane zusammen nach Mittenwald fahren würrden.
Es musste nur noch ein Fahrer für den gesponserten Teambus gefunden werden, welcher sich später mit dem Physiotherapeuten Franco Ruggieri als absoluter Glücksgriff erwies.

Ich versuchte nach meinen Möglichkeiten das normale Trainingspensum etwas zu erhöhen und den Winter über doch mal öfter auf das Ergometer und das MTB zu steigen, als die Jahre zuvor. Natürlich war das viel leichter gedacht, als getan…

Durch das gemeinsame Ziel trafen wir uns öfter mit dem Steile-Wand-Team in Meerane, um gemeinsam zu trainieren . Die Augustusburg und der Fichtelberg waren dann Ziele unserer gemeinsamen Ausfahrten, wo wir ordentlich Höhenmeter sammeln konnten.
Auch eine gemeinsame HALLZIG -Ausfahrt auf dem Brocken wurde nicht ausgelassen. Um dann aber noch mal richtig alpine Luft zu schnuppern, verlegten wir unseren jährlichen Familienurlaub von der Toskana an den Gardasee/Limone. Dort konnte man noch mal lernen, was es heißt, 15% Steigung bei Hitze zu fahren. Ich glaube, das hat mir unheimlich viel gebracht während der Vorbereitung.

altTja,… so ein halbes Jahr ist schnell vorbei und so kam der 22.6., der Tag der Abfahrt nach Mittenwald. Wir trafen uns alle in Meerane. Leider fuhren wir aber nur noch zu viert, da Dirk sich beim Velothon in Berlin schwer verletzt hat und eine Teilnahme so unmöglich für ihn war. Das Gepäck inklusive Räder, Werkzeug und Massageliege (welche zu unseren Lieblingsplatz wurde…) wurde verstaut. Und ab ging es Richtung Alpen.

Die Fahrt verging wie im Flug. Bei unserer Ankunft stand Heikos neuer Teampartner schon parat. Es war Matthias aus Hamburg. Ein sehr lustiger Geselle wie sich schnell herausstellte.

Am nächsten Morgen ging es dann ab ins Zentrum von Mittenwald, um die Startunterlagen abzuholen. Wir bekamen eine große Tasche, ein Roadbook mit allen Daten zur Tour, den Teilnehmerausweis und noch hier und da ein paar Werbeartikel. Nach einem leckeren Kaffee in der Stadt und einen Besuch auf der Transalp-EXPO kramten wir unsere Räder schon mal aus dem Auto und machten sie tourfertig.

Wir fuhren noch eine kleine Trainingsrunde und nach einer tollen Massage von Franco ging es dann in die Stadt zu Eröffnungsveranstaltung, wo wir auf die anderen Protagonisten aus fast 30 Ländern trafen. Mit leckerer Pasta und einigen nützlichen Tipps von Uli Stanciu ging es dann nach Hause ins Bett.

Am 24.06.2012 sollte dann der Transalptraum um 8.30 Uhr in Mittenwald losgehen. Vor uns lagen 7 Tage, 808 Kilometer und 17 Pässe mit insgesamt 18.885 Höhenmetern. Traumhafte Orte wie Sölden, Brixen, St.Vigil, Falcade, Crespano del Crappa, Trento und Arco lagen vor uns. Jeder Tag mit seinen Höhen und Tiefen war ein absolutes Highlight.
Am ersten Tag starteten wir ganz angenehm. Über die Buchener Höhe , welches der erste Pass war, ging es noch locker und flockig den Berg hoch, der Anstieg zum Kühtai mit 24 km und 1.400 hm am Stück zog uns aber schon recht viel Saft aus den Knochen. Oben noch schnell ein Erinnerungsfoto geschossen (was ich schon immer traditionell auf den anderen Pässen auch gemacht habe) und schnell ging es dann auf die erste richtige Abfahrt der Tour Richtung Ötztal. Es folgte noch ein recht zermürbender finaler Anstieg nach Sölden. Den ersten Tag hatten wir damit aber dann zusammen geschafft.

Was am zweiten Tag leider durch mein Verschulden nicht sein sollte. Ich fühlte mich im Regen in Sölden eigentlich richtig gut und folgte gleich nach dem Start Heiko so schnell, dass Lothar abreißen lassen musste. Auf dem 1.300 hm folgenden Anstieg Richtung Timmelsjoch, welches mit 2.509 m Höhe das Dach der Tour war, verlor ich dann aber auch Heiko aus den Augen. So musste ich den verregneten Anstieg selber meistern. Oben angekommen hieß es schnell die Winterhandschuhe und den gefütterten Helmunterzieher anziehen. Denn bei ca. 6 Grad wäre die Abfahrt sonst kein Vergnügen geworden. Die Abfahrt und die Aussicht waren gigantisch. Im südtiroler St. Leonard erwartete uns so viel Sonne, dass die dicken Sachen schnell wieder verstaut werden konnten. Dann folgte noch ein zäher Aufstieg über den 20 km langen Jaufenpass welcher noch einmal mit 1.400 hm aufwartete. Die Abfahrt über Sterzing und entlang der Brennerautobahn Richtung Brixen war dann die leichtere Übung des Tages. In Brixen angekommen, fehlte dann mein Partner Lothar im Ziel. Er kam etwas später aber von der Strecke gezeichnet an. Von da an war ich mir sicher, dass wir ab jetzt nur noch nach dem Transalp-Prinzip zusammen über die nächsten Ziellinien fahren wollten.

altDer dritte Tag sollte etappentechnisch der kürzeste aber auch der Steilste sein. Das Würzjoch bekamen wir recht gut bei schönem Wetter gemeistert. Danach sollte aber der Furkelpass mit einigen 19% Rampen folgen, wo sich plötzlich Schmerzen im mein Rücken und in den Knie bemerkbar machten. Diese zwangen mich sogar kurz, das Rad für ein paar Meter zu schieben. Aber zusammen haben wir auch diesen Kannten gerockt (wie es jetzt so genannt wird). Überglücklich ging es dann auf die Abfahrt nach St. Vigil, wo ich umrahmt vom Dolomitenpanorama zum Feierabend mein seit langem erstes Bier getrunken habe. Na dann Prost auf die letzten 4 Etappen…!

Die Vierte führte uns in das Herz der Dolomiten mit dem Grödnerjoch, dem Sellajoch und dem Passo Fedaia – alles absolute Leckerbissen für jeden Bergwanderer. Und mit dem Rad? Ja, auch damit ist es ein absoluter Hochgenuss! Auf der Hälfte der berühmten Sella Ronda über Grödner und Sellajoch nach Canazei zu fahren um dann noch den Passo Fedaia mitzunehmen, von dem man zur Marmolada und andere grandiose Bergmassive sehen kann. Ach so… Bei allen visuellen Leckerbissen war es natürlich auch eine sehr ansträngende Tour nach Falcade ,bei der ich mir das erste Mal den Hintern wund gefahren habe. Aber Lothars Bepanthen-Salbe half Wunder und so konnten wir uns auf den nächsten Tag freuen.


Die sogenannte Königsetappe sollte die Fünfte sein, welche die meisten Höhenmeter aufwies und ein Wechselspiel der Landschaften darstellen sollte. Aber trotzdem, bei allem Genuss musste ja auch mit wundem Hintern das Tagespensum geschafft werden. Die mit zwei Pässen, dem Valles und Rolle, gespickte Strecke meisterten wir recht gut und konnten auch noch ein letztes Mal die tolle Aussicht auf die Dolomiten genießen.

Was dann folgte, war die längste Abfahrt der Tour mit ca. 50 km in Richtung Monte Grappa. Diese nutzten wir, um uns etwas zu erholen. Denn dann folgte etwas, was uns noch einmal alles abverlangte. Der Aufstieg zum Monte Grappa, welcher ca. 30 km lang warm wollte und wollte kein Ende nehmen. Zum Glück – es herrschten gefühlte 40 Grad im schatten – hatten die Organisatoren zusätzliche Versorgungsstellen mit Wasser eingerichtete. Langeweile kam also nicht auf und die Flucht nach oben vor den vielen Pferdebremsen tat sein Übriges bei der Kurbelei.

Oben angekommen hatten wir aber einen atemberaubenden Blick auf die Po-Ebene, wo wir noch einmal anhielten, um uns danach auf die heiße Abfahrt ins mediterrane Klima nach Crespano zu freuen. Aber man sollte sich nie zu sicher fühlen und die Abfahrt bis zuletzt konzentriert angehen. Das wurde mir gerade dort noch einmal bewusst. Die freilaufende Kühe nahm ich nicht mit, dafür aber die zwei einzigen Schlaglöcher auf der gesamten Strecke. Ich hatte großes Glück, dass es dort nicht noch in die Hose ging. Aber alles ging gut und mit letzten Reserven quälten wir uns in sengender Hitze den leichten Anstieg Richtung Crespano del Grappa gen Ziel. Am Abend gab es dann doch noch eine Hiobsbotschaft von der FußballWM... Zur Freude unseres Masseurs Franco gewann Italien gegen Deutschland. Naja egal, wir hatten ja mit uns selbst zu tun und Fußball interessierte mich da nicht wirklich…

Die vorletzte und längste Etappe stand anfangs unter keinem guten Stern. Da die Klimaanlage im Hotel ein Witz war und die Temperaturen im Zimmer somit unerträglich, war an Schlaf fast gar nicht zu denken. So zog ich für dies Nacht um und verbrachte die Nacht im Auto. Naja das ging dann einigermaßen gut.
Zur Etappe kann man nur sagen, dass sie unheimlich lang aber auch landschaftlich sehr schön war. Der Anstieg zur Hochebene von Asiago, die atemberaubende Abfahrt nach Pedescala sowie der darauffolgenden Auffahrt zum Melignon und die Zieleinfahrt in das historische Zentrum von Trento waren wieder absolute Höhepunkte. Obwohl die Schmerzen nun langsam zur Gewohnheit geworden waren, probierten wir zusammen am Abend in tollem Ambiente Francos Geheimrezept zur Wunderheilung. Die Grappa-Schluckimpfung ! Und wie sie geholfen hat. Ich habe keine Nacht der Tour besser geschlafen. Und diese eine letzte Etappe? „Die schaffen wir mit links!“ Dachten wir zumindest…

altDer letzte Tag. Ein letztes Mal drang "An Tagen wie Diesen" von den Toten Hosen durch die Lautsprecher, wie an jeden Morgen vorher auch. Etwas Wehmut machte sich überall breit. „Das war es jetzt also schon?" Vor so einer Kulisse von Radfahrern und Historie auf dem Il Campo von Trento zu stehen, das ist einfach nur der Hammer! Ich glaubte, sogar eine kleine Träne im Auge gehabt zu haben.


Dann hieß es „Auf geht’s!“ Ein letztes Mal meiner Frau in die Tour-Web-Cam winken und flanierend Richtung Monte Bondone kullern. Aber da war ja noch der besagte Vorabend mit Grappa, dem wir nun doch Tribut zollen mussten und der uns den Aufstieg zum Passo Viote erschwerte. Aber das sollten wir auch gemeinsam schaffen. Wir hatten ja immer unser Ziel fest im Blick, welches nun in greifbarer Nähe war. Und so folgte dann unser letzter gemeinsamer Pass, der Passo del Ballino. Die Abfahrt entlang des Lago di Tenno mit ersten Blick auf den Gardasee war dann nur noch zu genießen.
Wir hatten es also GEMEINSAM geschafft ins Ziel nach Arco zu fahren. Überglücklich nahmen wir unsere wertvollen Finisher-Trikots und Medaillen in Empfang. Und beim gemeinsamen Hefe-Radler genossen wir das Bad in der Finisher-Menge.


Am Abend bei der Abschlussparty versuchten wir, alle Erlebnisse und gewonnenen Eindrücke zu verarbeiten. Wir hatten sogar noch genügend Kraft in den Beinen, um das Tanzbein zu schwingen.
Am Ende des Tages wurden neugewonnene Freunde verabschiedet und dann ging es ab in Richtung Hotel. Ein letztes Mal...
Mein Fazit: Eine absolute sportliche Erfahrung, die jeder Radsportler - wenn er die Möglichkeit bekommt - nutzen sollte.

Danke an alle, die dabei geholfen und an uns geglaubt haben, dieses Vorhaben zu bewältigen!

Viele Grüße
Euer Micha


Die Etappen in der Übersicht:

1. 24.06. Mittenwald-Sölden      115,17 km 2.475 hm 2 Pässe
2. 25.06. Sölden-Brixen             123,87 km 2.998 hm - 2 Pässe
3. 26.06. Brixen-St.Vigil              85,08 km 2.939 hm - 2 Pässe
4. 27.06. St.Vigil-Falcade           107,03 km 2.561 hm - 3 Pässe
5. 28.06. Falcade-Crespano       128,68 km 3.047 hm - 3 Pässe
6. 29.06. Crespano-Trento        146,37 km 2.740 hm - 3 Pässe
7. 30.06. Trento-Arco              101,93 km 2.125 hm - 2 Pässe

Und für alle Interessierte hier noch der Link auf unsere HALLZIG-Transalp-Seite.