Erlebnisberichte

11. Spreewaldmarathon - Kolumne

Wie immer werden solche Projekte weit im Voraus geplant. Nicht von mir, ich lasse mich von meiner Spontanietät überraschen.
Mein Kumpel René, alias Schnellspanner, beweist in seiner Jahresplanung ungemeine Weitsicht und hat bereits im Januar eine unmittelbar im Start/Zielbereich gelegene Pension „gechartert“. Hatten wir also hier den Luxus, fast in Badelatschen zum Start zu gehen. Das haben wir natürlich nicht gemacht, weil uns dieses Schuhwerk Nachteile bei der geplanten sportlichen Betätigung bringen würde. Aber jetzt im Nachhinein als ich diese Zeilen schreibe, war es ein großer Komfort „alles in der Nähe“ zu haben.

Der Winter war lang und so rückte der Spreewaldmarathon als Veranstaltung bei dem einen oder anderen (mich eingeschlossen :mrgreen: ) so ziemlich an den Anfang der Saison. Die Voraussetzungen der Protagonisten konnten unterschiedlicher nicht sein:

Für einige, durch die (fast) tägliche Fahrt zur Arbeit mit allen Wettern gestählt, war der Spreewaldmarathon ein kleines Kreuz unter den jährlichen Frühjahrshobbyklassikern.
Für die anderen ist er uneingeschränkter Höhepunkt in der Jahreszeit der aufsteigenden Sonne mit einer persönlichen Standortbestimmung im Universum des Hobbyradsports verbunden.

Wie auch immer, jeder hatte seinen persönlichen Motivationen und Ziele dieses Event zu bestreiten.

Habe ich mich vorbereitet? Die Teilnahme an einer RTF, dann auch nur die 75er, dann noch mal eine Runde. N´ bisschen auf Arbeit gefahren. Nein, das war keine Vorbereitung. Und in Anbetracht dieser Tatsache entschied ich mich „nur“ für die 150er Runde. In einem großen Feld geht das und ich konnte hier mal gut in mich hinein horchen „und gucken was geht“.

Das Zeitfahren am Freitag habe ich in Ermangelung eines schnellen Rades weg gelassen und so planten wir die Anreise am Freitagnachmittag. 15 Uhr war René bei mir, wir tranken noch einen Kaffee und nach dem Packen ging es via A 38, A 14 und B 87 direkt vor die Haustür in Lübben. Mit der Anreise einen Tag früher waren wir aber keineswegs die ersten. Unsere Zeitfahrer Marko, Marco Hightower, Long Harry, Diana, Locke, ElStefano, und Volker Blechreder waren schon auf dem Geläuf und hatten bereits ihren ersten Wettkampf hinter sich. Nur die ersten beiden Sportler sind hier in der Plazierungsreihenfolge erwähnt, Glückwunsch hier an Marko, der sich, wie er mir gegenüber offenbarte, in der Form seines Lebens befindet.

Vielleicht gilt es noch zu erwähnen, dass sich Long Harry mit der Radanreise von Leipzig nach Lübben ganz besonders lange warm gefahren hat. Vielleicht fährt er ja auch wieder zurück. Genaue Informationen liegen mir noch nicht vor, da sie noch in der Zukunft liegen (jetzt: 21.4.13; 19:30 Uhr). Ich bitte die Unvorhersagbarkeit dieses Ereignisses zu entschuldigen.

Auf dem nahe gelegenen Campingplatz hatte ich ein Deja vu. Alles wie im letzten Jahr:

Lars und Ulrike hatten ihre temporäre Behausung just an derselben Stelle aufgebaut wie im letzten Jahr. Bärbel und Matthias wohnten wieder in dem gegenüber liegenden stationären Wohnwagen. Hier sei noch einmal ein großer Dank an die Gastgeber ausgesprochen, welche mit ihrem Einsatz die Grundlage für zwei! schöne Abende gelegt haben. Der Grill brütete bereits die ersten Steaks und Roster aus und die Mitbringsel aller Gäste wanderten erst auf den Tisch und dann in den Mund. Bei aller Wiederholung, eines war anders als im letzten Jahr: Die Temperaturen konnten sich noch nicht so richtig aufraffen. Eigemummelt in Decken und Jacken tat das der Stimmung aber keinen Abbruch.

In Anbetracht eines folgenden „vollen Arbeitstages“ zogen wir uns allmählich in unsere Behausungen zurück.

Jetzt war er da. Der Tag des Spreewaldmarathons. Zum elften Male fand er statt und ist ein Fest mehrerer Sportarten. Wir sehen ihn natürlich nur die „Radsportbrille“, aber er ist auch eine Laufveranstaltung, sowie eine für die, die sich zwischen Laufen und Rad fahren nicht entscheiden können, die Skater. Davon bekamen wir aber nichts mit, einerseits weil die Veranstaltungen räumlich und zeitlich getrennt stattfinden, andererseits weil der eine oder andere sich bereits im „Tunnel“ befanden…Oli war am Morgen angereist. Und er brachte noch Mike_W und Andrew mit. Das wird schnell, dachte ich mir, die woll´n die anderen „aus der Jacke“ fahren. Das haben sie dann auch gemacht. Mitbekommen habe ich von dieser exzessiven Raserei nichts. Aus zwei Gründen: 1. war ich mit meinem Crosser unterwegs und mit max. 46:11 wird das ein bisschen knapp. Und 2. wäre ich auch mit 53:11 nicht hinterher gekommen. Ich wollte die Tour auch ein bisschen genießen. Bis zum dritten Verpflegungspunkt würden wir gemeinsam fahren. Gemeinsam aber nur, wenn wir das laaaang gezogene Feld als Einheit betrachten würden. Der Sprecher sagte etwas mehr als 4 000 Startern auf allen Strecken. Die Temperaturen waren zum Start um 8:30 Uhr noch im einstelligen Bereich und so boten sich dem Betrachter die unterschiedlichsten Maßnahmen und Ideen der Kälte Herr zu werden.

Es geht los. Durch Lübben noch von der Polizei eskortiert, zerbröselte das Feld außerorts in seine verschiedenen Leistungs- und Motivationsklassen. Die Hallziger zerstreute es in alle Winde, der übrigens gleich von Anfang an von vorn blies.

Natürlich trifft man hier den einen oder anderen Bekannten, ein kleiner Plausch und die Dynamik des Feldes beendet die kurze Liaison. Mit solchen und ähnlichen Szenarien erreichte ich den ersten Verpflegungspunkt und siehe da die üblichen Verdächtigen labten sich an allerlei Nahrhaftem. Hier, und da stimmt ihr mir zu, kann ich ein großes Kompliment an die vielen Helfer und Helferinnen loswerden: Das Essen war an allen Verpflegungspunkten reichhaltig, vielseitig und lecker.

Dass ich Oli, Long Harry, Mike_W, Marco und Marko (habe ich jemanden vergessen, er möge mir verzeihen) nur am Start und dann wieder im Ziel sehen würde war klar.

In angemessenem Tempo sprang ich in den Gruppen nach vorne, bei mir lief es zunehmend runder und so konnte ich meinen Ehrgeiz auch ausleben. Am zweiten Verpflegungspunkt vollzog sich dann das gleiche Ritual: Toilette, essen, trinken, kurzer Spruch und dann weiter. Es hatten sie einige Hallziger zusammengefunden und da wir die meisten in der Gruppe waren bestimmten, wir auch das Tempo. Die Sonne kam raus, die Wärme isolierenden Schichten unnötiger und so verschwanden Ärmlinge und anderes Inventar in den Trikotaschen. Das Tempo pendelte zwischen 30 und 40 und die von Autos spärlich bevölkerten Straßen boten uns genug Raum für unsere radsportlichen Freiheiten.

Der dritte Kontrollpunkt näherte sich und mit ihm auch die Trennung von meinen Kameraden. Nach der obligatorischen Nahrungsaufnahme kam es hier zu einem kleinen „Abschlussbild“. Die 200er Fahre trennten sich vom 150er. Ja, ich kann hier in der Einzahl schreiben. War ich doch der Einzige, der sich auf die 150 km Strecke getraut hat :mrgreen: .

Nun, mein eigenes Tempo bestimmen könnend, begab ich mich auf die letzten 50 km. Mit einer Mischung aus Ehrgeiz und Erschöpfung gelangte ich noch an den letzten Verpflegungspunkt. Aber irgendetwas war anders. Erstmal die schiere Menschenmenge, die sich auf dem Platz versammelt hatte, dann die vielen verschieden Arten von Fahrrädern die angelehnt oder mit bordeigenem Ständer abgestützt sich von ihren Besitzern erholten. Ich sah Räder mit Körben hinten drauf, Räder mit tiefem Durchstieg, Trekking- und Kinderräder. Als das kannte ich von den letzten Verpflegungspunkten nicht. Wo bin ich hier hingeraten? Dafür habe ich nicht 140 km gekämpft um dann in diesem Schmelztiegel der Erschöpften zu landen. Aber dann erschloss es sich mir: Einige der kürzeren Runden führten hier zusammen und viele der hier versammelten hatten wahrscheinlich Angst vor einer negativen Energiebilanz.
Die angebotene Kartoffelsuppe hätte ich zwar nicht mehr essen müssen, aber…

Jetzt waren es noch reichlich 10 Kilometer bis Lübben. Der eingangs erwähnte Gegenwind machte noch einmal auf sich aufmerksam. Obwohl er in seiner Intensität nicht zugenommen hatte, empfand ich ihn ob der eigenen Erschöpfung schon als stärker, aber naja die letzten 10 km geht das auch noch. Und so quälte ich mich als einziger mit einem Rennrad zwischen als diesen Zivilisten Richtung Lübben. Die Erinnerungen an das letzte Jahr wurden wach. Der Hallzig-Zug hatte mich auf der 200er Runde nach 190km nach hinten ausgespuckt. Allein rollte ich die letzten 10 km rein und war platt. Diesmal ging es besser, aber ich hatte ja auch 50 km weniger in den Beinen.

Lübben. Ankunft. Petra stand schon strahlend mit ihrer Gurke um den Hals im Zielbereich und winkte. Ein paar Cheerleeder kreischten, aber das machten sie bei jedem der ankam, also konzentrierte ich mich auf Petra. Eine silberne Gurke wurde mir überreicht. Eine goldene habe ich ja schon und eine grüne auch. Jetzt war warten angesagt. Wann trudelten, aus unserer Sicht, die ersten 200er ein?

Und dann kamen sie Hightower, nicht zu übersehen, Long Harry, Matscher…dann dauerte es eine Weile und Oli und Marko waren auch da, sie waren den letzten Streckenabschnitt moderater angegangen und dann kam René noch rein, er hat den Spreewaldmarathon von uns am häufigsten absolviert.
Alkoholfreies Bier gab es im Überfluss und wurde seiner Bestimmung zugeführt. Ein bisschen Werbung für unsere HISTORICA habe ich auf dem Platz dann auch noch gemacht. Habe Zettel verteilt und mit den Sportlern das eine oder andere Wort noch gesprochen. Unsere Veranstaltung ist teilweise schon bekannt, oder wurde mit großem Interesse aufgenommen…

In der Pension konnten wir uns wieder „landfein“ machen. Und geschniegelt und gebügelt ging es dann noch einmal zu Fam. Grauer Wolf, Drahtbeen Matscher und Jorschi und Petra.

Ein gewisser Unterzucker machte sich bemerkbar. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich bei der Ankunft auf dem Zeltplatz einen brutzelnden Grill erwartete. Wir plauderten…ja, schön, aber ich hatte Hunger! Um noch fehlende Lebensmittel zu holen fuhr Frank goose noch einmal zum örtlichen REWE. Ich bot ihm meine Hilfe an. Gespeist wurde diese zum großen Teile aus dem eingangs erwähnten Hunger. Der Besuch in der Kaufhelle versprach schneller Nahrung als vom Grill.

Natürlich war der Frank auch unterzuckert. Und wie ferngesteuert schwebten wir als Opfer unserer Fressfantasien durch den Laden. Diese gipfelte darin, dass sich Frank eine Tube gezuckerter Kondensmilch kaufte. Ich habe auch daran gedacht, habe es aber nicht getan, sonst hätte ich heute nicht darüber lästern können. Ich habe ihm dann noch ein Eis spendiert und mit allerlei Sachen, die man zum und nach dem Grillen so braucht sind wir dann auf dem Zeltplatz wieder angekommen. Die Steaks brutzelten schon und nun konnte man sich dem Ausgleich aller entstandenen Defizite widmen.

Die Sonne sank und mit ihr dann die Temperaturen. Anfangs noch mit allerlei Jacken und Decken geschützt schob man das Ende des Tages etwas hinaus. Aber der sich nun dazu gesellten Müdigkeit hatten wir zunehmend weniger entgegen zu setzen. Und so schloss sich der zweite Tag.

The day after. Sonntag. Ausgeschlafen sitzen der René und ich in der Pension zum Frühstück.
Große Erschöpfung spüre ich nicht. Eher das Gefühl, eine Weile „weg gewesen“ zu sein, Fernab aller Nachrichten und sonstigem medialen Rauschen – wie ein kleiner Urlaub.
Auto packen fertig heim, gegen 14 Uhr sind wir in Leipzig und ein paar von uns sind noch da…