Erlebnisberichte

Mein erster Halbmarathon


Des Einen Leid...
Da war sie also, die Teilnahme am ersten Halbmarathon über 21,1 km rund um den Goitzschesee bei Bitterfeld.
Ja, manchmal kann ein leichtsinnig gegebenes Versprechen im Winter für ein erfrischendes Erlebnis im Frühling sorgen. Und manchmal gibt es auch ein böses Erwachen...

Für mich lag die Teilnahme an meinem ersten Laufsporterlebnis wohl irgendwo dazwischen. Wobei die Waage jetzt, nach zwei Tagen Abstand und langsam ausklingendem Muskelkater, eher in eine positive Richtung zeigt.


Kurzer Rückblick
Was als konditionserhaltendes Training im Winter für die kommende Radsaison geplant war, artete immer mehr zu handfesten meist 80minütigen Crossläufen aus. Ob ich da alleine drauf gekommen bin? Niemals! Von meinem alten Klassenkameraden Gerhard hatte ich mich "locken“ lassen: "Was meinst Du, wie gut das mit dem Radfahren im Frühling dann wieder klappt?!“
Mit wirklich äußerst schlechtem Gewissen dachte ich an die wenig benutzte Rolle im Keller… Und da lief ich eben.

Aus anfangs lockerem halbstündigen Lauftraining rund um das Delitzscher Stadtzentrum wurden schnell Acker- und Wiesenläufe mit Sprüngen über Gräben und Bäche oder wilde Hetzjagden hügelauf- und abwärts auf dem Truppenübungsgelände der Bundeswehr. "Schön!", dachte ich mir anfangs, "da kann ja im Frühling nicht so viel schiefgehen, wenn Du wieder aufs Rad steigst." Im Februar nutzte Gerhard dann einen – nun nennen wir es mal "Moment der Schwäche“ – und fragte mich nach einem längeren Lauf, ob wir nicht zusammen beim Halbmarathon im Mai mitmachen wollten. Und wie oft an Tagen, an denen es recht gut läuft (oder rollt), sagte ich spontan und ohne groß zu überlegen zu.

Ab März, da muss ich hier keinem viel erzählen, hatte ich dann nur noch das Radfahren im Kopf und das Versprechen war längst vergessen. Beinahe zumindest. An jedem zweiten Tag lief ich morgens aus "Routine“ eine lockere Runde von maximal 35 Minuten.

Aber je näher der Termin rückte, umso mehr Gedanken machte ich mir plötzlich wieder um das bevorstehende Ereignis. Der anzugehende Laufuntergrund – schönster Asphalt – machte mir die meisten Sorgen. Asphalt schätze ich, am Besten superglatt und ohne Ecken und Kanten, unter Radreifen! Aber doch nicht unter den Schuhsohlen meiner bei Deichmann erworbenen Nike-Laufschuhe (runtergesetzt auf 39,90). Und es gab immer wieder sehr wichtige Gründe, den Kauf von "richtigen“ Laufschuhen verschieben. Ehrlich! Die letzte Laufeinheit, die ich bewusst als persönliches Scharmützel vor der anstehenden Konditionsschlacht kämpfte, waren 12 Kilometer am Donnerstag, drei Tage vorher. Und die lief ich bewusst auf Asphalt und Beton und steckte das Ganze auch erstaunlicherweise recht gut weg. Den 01. Mai und den folgenden Samstag machte ich nichts mehr, obwohl das Wetter für einen kleinen Ausritt auf dem Rad perfekt war.


Der Tag zuvor
Das Abholen des "Startersets“ am Tag zuvor im Wasserzentrum Bitterfeld lief problemlos. Die Meldetische waren mit lauter superhübschen jungen Mädels besetzt, die ihre Arbeit toll machten.

Der Mika-Chip für die Zeitmessung wurde am Abend schnell noch am Schuh und die Startnummer am Trikot befestigt. Banane und Riegel für vorher, Powergel und Fruchtschnitte für unterwegs. Eine 1,5-Literflasche Mineralwasser für danach.

Ach ja, hatte ich eigentlich ein Ziel für den kommenden Tag? Nun, ankommen und durchlaufen. Vielleicht eine Zeit um die zwei Stunden. Das wäre schon etwas… Mit diesen Gedanken schlief ich fest und traumlos, bis mich unsere Jüngste am Tag X mit ihren kleinen Händchen um halb sechs unsanft aus dem Schlaf klatschte.

"Running Men" oder "Von einem der auszog..."
Ich könnte ja jetzt hier "vom Leder ziehen“, wie locker und gelassen wir nach Pouch fuhren, wo die Halbmarathonis starteten. Klar wurden Witze gemacht und wir haben im Auto wirklich sehr herzhaft gelacht. Trotzdem mussten wir zweimal anhalten, weil "dringende Bedürfnisse“ es erforderten. Nervosität? "Och nö…“

Je näher die Startzeit kam, umso stiller wurden wir. Da konnte selbst Anja, Gerhards Frau, mit ihrem Optimismus nicht mehr viel ausrichten. Und auch Fragen wie "Mensch, haben wir uns das eigentlich richtig überlegt?!“ und "Sag mal, wie bekloppt sind wie eigentlich?!“ blieben rein rhetorisch und somit unbeantwortet über unseren Köpfen in einem strahlend blauen Himmel hängen.

Dazu trug wahrscheinlich auch bei, dass wir die ganze Zeit die 10-Kilometer-Läufer an uns vorbeiziehen sahen und ab und an einen der bejubelten Marathonteilnehmer. Die beklatschten wir drei wie wild für die sportliche Leistung die noch vor ihnen (noch 35 Kilometer zu absolvieren!) lag. Kurz vor dem Start um 10.30 Uhr stieß noch Peter zu uns, ein Freund meines Schwiegervaters und alter "Halbmarathon-Hase“. Die Aussicht, die ersten Kilometer zu Dritt zu bewältigen, beruhigte doch etwas.

Der Aufruf zum Start und letzte Informationen über den Lautsprecher. Wortfetzen erreichen eher unser Unterbewusstsein: "531 gemeldete Teilnehmer, … Streckenlänge 21,1 Kilometer, … Verpflegungspunkte, … Strecke nicht vollständig gesperrt, bitte auf Radfahrer und Skater achtgeben!“
Ein letzter Händedruck vor dem Start und ein aufmunterndes Lächeln (wirkte das nicht doch etwas gequält??).

Startschuss!

Das Feld, wir hatten uns bewusst weit hinten aufgestellt, setzte sich langsam in Bewegung. Aus langsamen wurde schnelleres Gehen, kurz vor der Startlinie dann langsames Laufen. Da war die Startlinie mit der Zeitmesseinrichtung, die auf unseren Chip reagierte und ab jetzt die Zeit nahm.
Noch einige hundert Zuschauer die uns aufmunternd zujubelten und beklatschen. Dann waren wir auf die Strecke entlassen und "unter uns".

Nach geschätzten drei Kilometern wurde per Schild die erste Verpflegungsstelle angekündigt. Einen Becher Wasser riss ich einem der Helfer aus der Hand. Das Wasser bekam ich sogar während des Laufens erstaunlich problemlos geschluckt. Das Feld zog sich jetzt schnell auseinander, die Spitze war schon weg. Wir drei quasselten während des Laufens permanent und bemerkten sogar einen brütenden Schwan im Schilf.

Ich hatte nun meinen Rhythmus gefunden und es lief sich erstaunlich gut. Noch…
Gerhard war mit seinem Herzfrequenzmesser beschäftigt, der ihm bei gemütlichem Tempo einen 170er Puls anzeigte… Na, das ging ja gut los!
Peter lief hinter uns und unterhielt sich mit einer gut aussehenden Läuferin… Da lotete schon wieder einer seine Chancen aus.

Erst bei Kilometer 10 fielen mir die bunten Schilder auf, die Bitterfelder Kinder selbst gestaltet hatten und die uns über die bewältigte Strecke informierten. Noch unterhielten wir uns ab und zu und auch witzige Bemerkungen wechselten wir noch hin und wieder.

An der dritten Wasserstelle steckte ich Apfelstücke in den Mund und verspeiste meinen Kinder-Früchteriegel. Das Gel sparte ich eisern für den Notfall… Es lief immer noch sehr gut. Nur die Sonne entfaltete - jetzt kurz vor Mittag - langsam ihre ganze Kraft und schien auf uns herab. Zum Glück hatte ich in "weiser“ Voraussicht ein Kopftuch umgebunden. Das sollte zwar eher den Schweiß von den Augen fernhalten, half aber auch gegen die Sonne sehr gut.

Kilometer 13. Gerhard lief etwas hinter mir und bekam scheinbar langsam Probleme. Hin und her gerissen – wir hatten uns vorher nicht klar abgesprochen – überlegte ich verzweifelt, was ich machen sollte. Gemeinsam weiterlaufen und unterstützen oder dem eigenen Rhythmus folgen und davonziehen? Peter setzte sich langsam ab und war bald in der Schlange der vor uns Laufenden nicht mehr auszumachen. Der Asphalt wechselte mit einem staubigen Feldweg. Ich ließ etwas mehr Platz zwischen den Läufern vor mir, um nicht zu viel "Staub zu fressen“. Die Blicke nach hinten bestätigten, dass Gerhard langsam zurückfiel.

Das mittlerweile automatische Voreinandersetzen der Füße und der Blick nach vorn löste das "mentale Dilemma“ mit Gerhard von ganz allein. Er verschwand in der kleinen Masse aus Läufern hinter mir.

Ich horchte aufmerksam auf meine Beine. Merkte ich da etwas im linken Knie? Quatsch, bloße Einbildung. Fing die rechte Wade an zu zwicken? Blödsinn, keine Spur! An der Brust zog es aber unangenehm: mittlerweile waren die Brustwarzen aufgescheuert und hatten hässliche Blutflecken auf dem Trikot hinterlassen. Ein wirklich unangenehmes Gefühl. Aber wenigstens wußte ich jetzt, wie sich eine Mutti fühlt, die ständig ein gieriges Würmchen zu füttern hat… Egal!

Kilometer 15. Da stießen die Marathonläufer auf unsere Strecke! Die letzten Kilometer liefen wir zusammen mit den Windhunden, die zumindest mir einen Heidenrespekt abnötigten. "Mensch! Die sind schon die doppelte Distanz gelaufen wie ich." dachte ich bewundernd. Manche liefen noch recht flüssig, andere schienen kurz vor dem Limit zu sein.

Die nächste Wasserstelle nutze ich, um mir kurz vorher mein Gel in den Mund zu drücken. Ein Becher Wasser, um das Ganze runterzuschlucken und einen Zweiten, den ich einfach über den Kopf schüttete. Das erfrischte!

Einbildung hin oder her, das Gel schien zu wirken. Zumindest in meinem Kopf. Ich legte einen höheren Gang ein zog mein Tempo langsam an. Ab jetzt überholte ich nur noch! Ich sah Peter wieder, holte ihn ein, schaffte es sogar noch, ihm auf die Schulter zu tippen und war auch schon an ihm vorbei. Scheinbar mühelos zog ich an anderen vorbei. Mühelos? Von wegen. Langsam protestierten meine Oberschenkel gegen die Dauerbelastung und meine Fußsohlen brannten wie mit der Lötlampe bearbeitet. Wie es jetzt wohl mit einem kalten Fußbad wäre…?

Kilometer 17 oder so… Das erste Mal sah ich die Villa am Bernsteinsee, das Ziel. "Endlich, bald geschafft!“, dachte ich. "Naja“, sagten meine Beine, "das sind aber nun noch mal 'n paar Kilometer.“ Und so zogen sich ab da scheinbar endlos die "mickrigen“ Kilometerchen dahin.

Da endete der Wald kurz vor dem Campingplatz und ich sah bereits „Land“. Ich dachte spontan an die letzte Ausfahrt mit den Jungs vom HALLZIG EXPRESS, während ich am Campingplatz vorbeilief. Das war doch mal ein schöner Tag!
Eine laut jubelnde Truppe, die ich schon vor der Kurve hörte, entpuppte sich als eine nur sechs Personen große Truppe, die den Läufern ordentlich einheizte. Ich schaffte es sogar, im Vorbeilaufen zu lächeln und mit beiden Daumen nach oben zu zeigen. Die auf den Bänken sitzenden Rentner dagegen lächelten huldvoll und applaudierten leise mit anerkennend nickenden grauen Köpfen.

Wasser! Jetzt brauchte ich wirklich dringend Wasser! Bilder von sauber abgenagten Knochen in der Wüste zogen an meinen geistigen Augen vorbei… Gern würde ich einem der vor mir Laufenden den mitgeführten Getränkegurt abreissen und die sicherlich warme durchgeschüttelten "Plörre" in meine Kehle schütten.

Da, die letzte Wasserstelle vor dem Ziel. Mist! Keiner da, der einem Wasserbecher hinhält. Die zwei armen Hanseln hinter dem Tisch waren eher damit beschäftigt, leere Becher zu füllen. So griff ich in das Gewühl aus Bechern, und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. „Pech gehabt, Freunde!“, dachte ich etwas schadenfroh. Und das, kurz bevor ich mir fast einen halben Becher Cola ins Gesicht schüttete. Cola?! „Das ist die Rache für meinen feigen Anschlag auf Tisch I.“, dachte ich und griff am zweiten Tisch gleich nochmal zu. Diesmal etwas vorsichtiger. Wieder Pech! Jetzt schwappte mir Orangensaft entgegen. „Was soll’s. Trink ich das Zeug eben!“

Es ging oben um die Mole herum und die lange Gerade in Richtung Villa. „Mensch, auf dem Rad kam mir die Strecke noch nie sooo lang vor.“ Und tatsächlich, die letzten Meter zogen sich jetzt endlos. Die blöde Villa blieb irgendwo hinten. Die Sonne brannte von oben und der Asphalt strahlte von unten. Trottete ich schon oder lief ich noch?? Wäre schön, wenn es bald vorbei ist… Wird man eigentlich disqualifiziert, wenn man mal kurz in den See springt? Solche und ähnliche Gedanken zogen derweil durch den leergelaufenen Kopf.

Ich überholte immer noch ein paar der wenigen Läufer vor mir, wenn auch deutlich langsamer. Gern hätte ich die einfach weggeschuppst und sei es nur, damit ich mir keine Gedanken hätte machen müssen, ob ich links oder recht vorbei laufe. Und was wird aus dem Schlusssprint, über den wir kurz vor dem Start noch gewitzelt hatten?? Sprinten?! Womit denn? Aber nicht mit den leergelutschten und zerknitterten Blechdingern, die vor zwei Stunden mal volle Batterien waren.

Endlich hatte ich die alte Lokomotive an der Villa erreicht. Sollte hier nicht Schluß sein? Ich hatte mich an der Villa schon auf den letzten Metern gesehen - und jetzt nichts! Bin ich gerade über etwas gestolpert?? "Bloß keine Verletzung jetzt, die Radsaison hat doch gerade angefangen!", dachte ich. In den Westernfilmen hat man doch lahme Pferde immer erschossen, oder? Komisch, was einem so für Gedanken kommen...

Und dann hörte ich plötzlich Jubel. Aber immer noch kein Ziel in Sicht! "Gut!", dachte ich, "also nochmal um die Villa herum. Vielleicht ist das Ziel ja hinten?"
Da, endlich auf beiden Seiten Absperrgitter mit anfeuernden Zuschauern dahinter.
Ich mobilisierte die letzten vorhandenen(?) Reserven und bekam tatsächlich einen akzeptablen Sprint hin. Meine Beine konnten erstaunlicher Weise noch raumgreifende Schritte vollführen. Die Arme flogen hin und her und ich sprintete um die Kurve auf die Schlussgerade. Ein kurzes Stoßgebet: "Jetzt bloß keinen Sturz, Herzkasper oder sonstige Katastrophe! Bitteee!" Da hörte ich auch über Lautsprecher meine Startnummer und meinen Namen. Jetzt nochmal alles geben!!
Noch 20 Meter. 10, 5, Schluß. Mir kam es so vor, als fliege ich über die Ziellinie und damit auf den 315. Platz. Noch „voll im Prass“ rannte ich in der Auslaufzone fast einen stehenden Läufer über den Haufen.

Noch ganz taumelig bekam von einem Mädel im blauen Orga-T-Shirt eine Medaille umgehangen und stürzte mich kurz danach auf den Versorgungstisch mit Apfelstückchen, Bananen und trockenen Brötchen. Dass das Ziel erreicht war, hatte ich immer noch nicht realisiert. Unklarheit herrschte bei mir auch über die gelaufene Zeit. Ach, ist ja auch egal. Hauptsache durchgehalten und geschafft.

Dann suchte ich Anja, die hier irgendwo sein musste. Zusammen warteten wir auf Peter und Gerhard. Peter erreichte rund drei Minuten nach mir das Ziel. Eine verdammt gute Zeit, wenn man bedenkt, dass er in diesem Jahr so gut wie kein Training hatte. Und ihm, den ich ebenfalls schon Ewigkeiten kenne und weiß, dass er seit Jahren fast jeden Tag Laufen geht, glaubte ich das auch. Respekt! Respekt für alle, die sich das oder noch mehr (geht das wirklich???) angetan hatten!

Gerhard kam ganze 13 Minuten nach mir ins Ziel… …und sah völlig fertig aus.

Im Schatten ruhten wir uns noch kurz aus und mein schlechtes Gewissen, ihn eventuell im Stich gelassen zu haben, trieb mich als „Wasserträger“ zu den "Fresstischen“, um Wasser und Futter für ihn ranzuschaffen.
Das schlechte Gewissen beruhigte er schnell mit einem gelächelten "Und, wie ist es bei Dir gelaufen? Hab‘ doch gesagt, dass es für Dich easy wird!“

Easy? Wenn der wüsste…

Die Heimfahrt verlief sehr ruhig, jeder hing seinen Gedanken nach. Ich hatte Bammel vor dem Muskelkater am nächsten Tag und befürchtete schon "Bewegungsunfähigkeit". Aber noch ging es mir gut. War nur etwas müde, verdammt stolz und sehr glücklich. Hatte ich wirklich vor drei Jahren noch mit Gewichtsproblemen jenseits der 90-Kilomarke zu kämpfen? Kam mir wie eine Ewigkeit vor...

Am Abend fand ich dann unsere Durchlaufzeiten im Internet. Mit 02:02:36 h Nettozeit hätten mir ja nur knapp drei Minuten gefehlt, um unter zwei Stunden zu laufen.

"Naja.", denke ich beim Einschlafen, "Im nächsten Jahr..."