Erlebnisberichte

Einmal "Schinderei de Luxe"...

... oder "die Wahrheit liegt am Berg"

So! Da standen wir nun morgens um halb 7.00 Uhr - fünf HALLZIGer inmitten einer bunten Zweiradmeute in der Innenstadt von Bruck. Großartig nervös war eigentlich keiner von uns, war doch die Anfahrt aus dem Sachsenland angenehm, das Wetter in absoluter Hochform und die Stimmung dieses Event´s verströmte eher Gelassenheit als angespanntes Wetteifern. Ein wenig anders wurde mir trotzdem, als 2 Minuten vor dem Start AC/DC´s "Hells Bells" aus den Boxen tönt, dann schließlich der Startschuss fällt, bevor die echten Glocken von Bruck ertönen...

Nun ja, das Feld setzte sich langsam in Bewegung. Kurz den Engpass unter der Eisenbahnbrücke hindurch und schon waren wir auf der Großglockner Hochalpenstrasse. Noch waren wir eng beisammen - gelöste, grinsende Gesichter wo man nur hinsah und ein allseits bekanntes Surren zog durch das Tal in Richtung der schneebedeckten Gipfel...

Mittlerweile blieb das Auge und der Kopf immer seltener an dieser herrlichen Gegend kleben und wir fanden zurück zum Thema - die 1.690 Höhenmeter vor uns. Also kurz eine Tempoverschärfung verrichtet solange es noch geht und ich hing mich an Marko. Irgendwann wechselten wir und ich hab auch gar keine Ahnung mehr, wann Oli sich eigentlich aus unser Gruppe löste und dem Affen Zucker gab. Auf jeden Fall sollte ich ihn erst einmal eine Weile nicht mehr sehen. Der Tachometer zeigte in etwa 10 km, als sich langsam erste Höhenmeter bemerkbar machten und man sich das letzte Mal für die nächsten 17 km gelassen aus dem Sattel schwingen konnte. Noch ein paar kurze ebene Passagen und die ersten Steigungen kratzten an der zweistelligen Prozentmarke.

Mittlerweile vermisste ich Marko, als noch einzigen Kontakt zu unserem Team und überhaupt war es plötzlich ziemlich still geworden im Peloton. Kein Smalltalk lockerte das Feld mehr auf und man hörte nunmehr lediglich Kettengleiten, hier und da das fauchen einer grobstolligen MTB-Bereifung und deutlich verstärkte Lungenarbeit, in die ich mich brav mit einstimmte. Da ich nun mehr oder weniger allein für mich unterwegs war und die Steigung jetzt eine kontinuierliche Form annahm, begann ich, meinen Rhythmus zu finden. Ich fühlte mich gut bei eher moderaten Pulsfrequenzen und kam gut im Feld voran - auch als der zu leistende Kraftaufwand zunahm und die Kette mittlerweile die linke Endstellung auf der Kassette einnahm. "Alles im grünen Bereich!", dachte ich mir und plötzlich hatte ich auch Oli wieder im Sichtbereich. Hatte er sich noch in der Ebene einen recht ordentlichen Vorsprung erarbeitet - ich hatte bei dieser Aktion leider den Anschluss verloren - war doch der Plan, dass Oli das Team auf den ersten Kilometer feste anzieht, so dass wir nur noch rechtzeitig bremsen mussten, um nicht in die Zuschauer hinter dem Ziel zu rasen...

Nachdem ich mich an Oli vorbei und im Feld weiter nach vorne schieben konnte, passierte es: womöglich unterschätzte ich einen Steigungsanstieg - oder ich ging diesen doch zu hart an? - auf jeden Fall hatte ich plötzlich dieses unangenehme Gefühl, als seien meine Oberschenkel aus Holz. Die kommenden 5 km waren nun Kilometer des Schmerzes (roter Bereich), von Rhythmus konnte keine Rede mehr sein und mein Gangschalter griff auch beim x-ten Versuch hochzuschalten ins Leere. Auch das ständige Schauen nach dem Ritzelpaket brachte keine neuen Erkenntnisse bzw Aussichten auf eine adäquate Kadenz. Was hätte ich in dieser Situation nicht alles für eine Dreifach gegeben und das Schlimmste an der Sache war: die Serpentinen lagen noch vor mir...

Jetzt suchte ich auf den immer spärlicher werdenden Flachstücken nach Regeneration und drückte mich auf den Steilstücken mehr nach oben als das ich kurbelte. Somit war es ab hier für mich eher ein Aufstieg als eine Auffahrt. An dieser Stelle danke ich noch vielmals denjenigen, die mir zum Umstieg auf eine 27er Kassette bei meiner Standardkurbel geraten haben. Mit meiner 25er wäre ich gestorben...

Mitterweilen verlor ich zunehmend Plätze, auch Oli war wieder an mir vorbei. So begann ich mich in die Serpentinen einzuarbeiten: in der Kehre so gut wie nur möglich hochfrequent die Muskeln locker treten und am Kehrenausgang noch ein Schluck aus der Flasche, da das hölzerne Gefühl in den Zustand eines bekannten Nachtisches übergegangen ist und ich im Trinken meinen gesamten Kohlehydratvorrat gebunkert hatte. Gaaaaanz langsam erholte ich mich (gelber Bereich) und Oli wurde in ca. 50 Metern Entfernung zum Fixpunkt, den ich auch ganz gut halten konnte.

Ca. 5 km vor dem Ziel betrieb ich noch kurz spontanes Gewichtstuning, indem ich meine überflüssige zweite Wasserflasche ins hohe Gras warf, um mich allem Überflüssigen zu entledigen. Die immer wieder neu auftauchenden Serpentinen über mir, ließen mich langsam an meinem Ankommen zweifeln und auch die immer dünner werdende Luft war nicht gerade zuträglich. Somit unterließ ich es nach oben zu schauen und konzentrierte mich auf ein effektives Treten und Kraftreserven auszuquetschen.

Und irgendwann hörte ich die Stimme des Moderators aus den Boxen in der Zielankunft! Dies beflügelte mich auf wundersame Weise und in den letzten zwei Kehren baute sich in mir eine Euphorie auf, die mich die Schmerzen vergessen und die Beine kräftiger werden ließ. Im Ziel angekommen entlud sich dieses Gefühl in einem Gemisch von absoluter Erschöpfung und konzentrierter Glückshormonausschüttung, was ich bis dahin noch nicht kannte. (Und ich muss gestehen, dass ich viel Mühe hatte, damit umzugehen...) Nach dem Absteigen und ein paarmal kräftigem Durchatmen empfing mich auch schon Oli, der 2 min vor mir ins Ziel ist und dem es scheinbar ähnlich erging. Die nächsten Minuten verbrachte ich irgendwie in Trance, gerade noch solange, um die Zielankunft vom Rest der HALLZIGer bewusst wahrzunehmen und das gemeinsame Glücksgefühl zu teilen. Und dann noch dieser Blick vom Fuschertörl bei absolutem Kaiserwetter! Aber das erspar ich mir jetzt...

Abfahrt: Nachdem die Räder kurzerhand zum Wäscheständer umfunktioniert wurden und wir nach dem Abtrocknen und Bildverewigungsorgien auf der Abfahrt waren, fiel mir noch meine Trinkflasche ein, die ja eingesammelt werden wollte. Dies teilte ich bei Tempo 50 auch sogleich Oli mit, als plötzlich ein Alptraum wahr wurde... Peng, zerfetzte es den Latexschlauch in meinem Vorderad. Sofort war das rechte Felgenhorn freigelegt und der Mantel hielt sich schlackernd auf dem Rest der Felge. Während Oli mich schon mit Kinn und Extremitäten beim Bremsvorgang sah, konnte ich mich doch recht kontrolliert über eine größere Entfernung als üblich in den Stand begeben. Glück gehabt, dass ich keine Kurve vor mir hatte und sich grad nicht all zu viele hinter mir auf der Abfahrt befanden... Der Radler, dem das Gleiche kurz vor mir passierte, hatte nicht ganz soviel Glück und wurde im Liegen ins Tal befördert. Den Rest bewältigte ich in Etappen, da sich in meinem Hinterrad noch ein weiterer Kandidat für einen Platzer bei Überhitzung befand.

Fazit: Ziel erreicht - heil und gesund angekommen!

Das heimliche Ziel wurde - wenn auch nur knapp - auch erreicht: eine Zeit unter zwei Stunden und somit im nächsten Jahr ein Start aus Gruppe 2. Meine Messlatte liegt mit der diesjährig gefahrenen Zeit von 1:59h schon recht hoch und da ich die Übersetzungssache nicht ändern möchte, wird hier wohl ein besseres Bergtraining nötig als dieses Jahr mit ca. 6000 hm...

Danke an das gesamte Team des HALLZIG Express für dieses unvergessliche Erlebnis! Meine Teilnahme am nächsten Glocknerkönig ist jetzt schon sicher!